Lockdown

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  • Beitrag veröffentlicht:11. Juni 2020
  • Beitrags-Kategorie:Isarwalk

15.4.2020 Es gibt Neuigkeiten. Eine Gänsefamilie hat sich zur Freude aller auf der Kiesbank vor dem Wehr niedergelassen. Die Ersten sind zum Baden und Sich-Treiben-lassen in die Isar gestiegen. Wohl gemerkt, wir haben Mitte April. Seit Wochen scheint die Sonne und regnet es kaum. 

Ich hatte im Büro zu tun und deshalb mein Homeoffice verlassen. Auf dem Weg zurück lasse ich mich durch die Straßen treiben. Diesmal ist es der Sonnenuntergang, der die Giebel in leuchtendes Orange taucht, das Maximilianeum glitzert in der Ferne. Die Wucht der die Maximilianstraße begleitenden Gebäude drängt sich mir ins Bewusstsein, jetzt da ich sie in Ruhe von der Straßenmitte aus betrachten kann. Nach wie vor Ausnahmezustand, kaum Verkehr. Ich wechsle mehrfach die Straßenseite und vertiefe mich in die Schaufenster, wo sich die Bilder luxuriöser Handtaschen und bunter Modepuppen mit den Fassaden der gegenüberliegenden Häuser verschneiden oder mit dem Abendhimmel. Auf den Wassern der Isar, die ich alsdann erreiche, setzt es sich fort, dieses farbige Schillern. OrangeRosaBlauGrau.

Blaue Stunde

Ein paar Leute haben auf der Brücke angehalten, sich am Ufer oder auf der Kiesbank niedergelassen. Als wäre die Isar ein großes Wohnzimmer. Den Fluss still beobachtend oder lebhaft plaudernd mit einem Glas Wein in der Hand begleiten wir den Sonnenuntergang. Lange stehe ich dort, an dieser Stelle, wo ich seit Tagen immer wieder innehalte. Ganz in Ruhe. Ob es nicht wunderbar sei, spricht mich eine Frau an, und: Die blaue Stunde sei dies, die da gerade anbräche, aber sie müsse weiter, um ihre Runde zu drehen. Als schließlich die Straßenbeleuchtung anspringt, reiße ich mich los und kehre nach Hause zurück.

Ostermontag

13.4.2020 Liegt es an der Wettervorhersage des gestrigen Abends? Oder war der Sonntag so erlebnisreich? Jedenfalls sind weit weniger Menschen unterwegs an diesem Morgen, die Sonne zeigt sich sanfter als sonst, ihre Strahlen durchdringen die dünnen Wolkenfetzen, die den Himmel heute Früh bevölkern. In der Nacht hat es geregnet, was ich daran sehe, dass der kleine See im Park übergelaufen ist. Die Isar zeigt sich unbeeindruckt davon.

Ostersonntag

12.4.2020 Ostermorgensfrüh unterwegs. Ich bin nicht die Erste. Eine Familie ist schon unten auf der Kiesbank. Sie zünden dort Kerzen an, kleine Osterfeuer. Die Lichter leuchten bis zu mir hinauf, die ich auf der Fußgängerbrücke meinen allmorgendlichen Halt mache, um den Fluss zu begrüßen. Derweil glühen schon die Kirchtürme und Giebel der die Isar begleitenden Gebäude, die Sonne erhebt sich allmählich über die Stadt. Die Kirchturmglocken haben ihr erstes mächtiges Läuten längst hinter sich.

Ich lausche der Isar. Jetzt, da noch keine Autos unterwegs sind und die Wasser nicht über das Stauwehr fallen, lässt sich ihr gut zuhören. Dabei die Steine betrachten, die so präzise durch das glasklare Wasser scheinen. Als ob sich jeder einzelne von ihnen genau beschreiben ließe. Und doch finden meine Augen keinen Halt, und da ist ja dieses immerwährende Drüber-hinweg-Flimmern-und-Plätschern. Ich suche nach einem Ausdruck für diese Erscheinung. Glasklare Gedanken? Jeder Stein ein Gedanke? Warum nicht. Dann wäre es doch so, dass erst der die Gedanken umströmende Geist, die Isarwasser also, die Gedanken zu dem machte, was sie sind. Seien sie glasklar, bei ruhiger Strömung und niedrigem Wasserstand, seien sie trübe und unzugänglich, wenn sie aufgewühlt ist, die Isar, und viel Wasser führt. Seit Tagen beobachte ich den Fluss an dieser Stelle – fast unverändert der Wasserpegel seit wir der Ausgangsbeschränkung unterworfen sind und uns möglichst nahe unserer Wohnungen bewegen und erholen sollen. Die Isar hat ihr Wesen in der letzten Zeit kaum verändert und in mir macht sich der Wunsch breit, dass sie so gleichmäßig bewegt und glasklar im Weiteren bleiben möge, und übertrage dies auf uns alle, die wir auf Normalität warten. Eine neue Normalität sicher. Aufbruch?

Ich ziehe weiter an diesem Morgen. Wenige Meter entfernt von meiner Flussbegrüßungs- und -beobachtungsstelle zeigt sie sich ganz anders, die Isar, mit voller Kraft und riesigem Rauschen wirft sie sich die Staustufen hinunter. 

Zwei Brücken weiter unten hören die Ufer auf gemauert zu sein. Am Fuße des Uferdamms tut sich eine Art Wildnis auf. Baumriesen liegen quer im Sand, ihre Kronen ins Wasser geneigt, zwei Schwäne verbringen die Zeit mit den Köpfen unter Wasser, nur gelegentlich schauen sie auf und interessieren sich nicht weiter für mich, kleine Rinnsale kreuzen den Weg. Überall die Spuren des Vortags oder der Vortage, von den Anderen, die mit dem Fahrrad Geländegang erprobt oder aus Ästen Unterschlupfe und Aussichtspunkte konstruiert haben, zurückgelassene Bierflaschen. Urbane Wildnis, wie man so schön sagt. Auf dem Weg zurück, durch den Park, kommen mir immer mehr Spaziergänger und Jogger entgegen. Die Kiesbank liegt jetzt in der Sonne. Ich freue mich auf das Osterfrühstück.

Morgens an der Isar

31.3.2020 Ich bin morgens unterwegs. Ich begrüße die Isar, jeden Tag auf’s Neue. Ungefähr in ihrer Mitte stelle ich mich auf die Brücke und betrachte sie. Sie leibt und lebt, fließt, kraftvoll, immer weiter. Jeden Tag. Und dann bin ich im kleinen Park nebendran, drehe meine Runde. Morgens ist man nicht allein dort, aber doch für sich, werktags. Am Wochenende gibt es Momente, da ist man ganz allein, mitten in der Stadt. Und da stattete ich dem Fluss einen Besuch ab. Auf der Kiesbank. Und begann zu sammeln. Ich schreibe Dir also nicht mit Tusche und Feder, sondern mit meinem Sammelsurium, das ich seither betreibe. Nicht „verlorene Gedanken“ zeigen sich darin, sondern eher „verlorenes Erschaffen“?